Unterhalt der Strasseninfrastruktur zur Prävention von E-Bike-Unfällen
Einleitung
Die Qualität der Strasseninfrastruktur bildet eine wichtige Grundlage für die Verkehrssicherheit in der Schweiz. Angesichts einer zunehmenden Verkehrsbelastung, klimatischer Veränderungen und teils extremer Wetterereignisse sowie begrenzter finanzieller Mittel steht der nachhaltige Betrieb und Unterhalt des Strassennetzes vor wachsenden Herausforderungen.
Das schweizerische Strassennetz umfasst insgesamt rund 85 000 Kilometer [1]. Der Unterhalt des gesamten Streckennetzes verursacht jährlich Kosten in Milliardenhöhe [2]. Zum Unterhalt gehören [3]:
- Betrieblicher Unterhalt: z. B. Winterdienst, Reinigung, Grünpflege, Unterhalt der Betriebs- und Sicherheitsausrüstung
- Kleiner bzw. projektfreier baulicher Unterhalt: z. B. Reparaturarbeiten und Sofortmassnahmen
- Unterhalt der Signalisation: z. B. Wartung der Lichtsignalanlagen, Sicherstellung der Sichtbarkeit von Verkehrszeichen und Markierungen
All diese Aspekte des Unterhalts haben einen direkten Einfluss auf die Verkehrssicherheit, weil dadurch die Kontrolle bei der Fahrzeugführung aufrechterhalten und Stürze von E-Bike-Fahrenden verhindert werden können.
Aktuelle Situation
Mit dem 2023 in Kraft getretenen Veloweggesetz (VWG) hat der Bund die rechtliche Grundlage geschaffen, um die Sicherheit und Attraktivität des Veloverkehrs einschliesslich der E-Bike-Nutzung nachhaltig zu stärken. Ziel ist ein lückenloses, sicheres und durchgängig signalisiertes Netz, das Velo- und E-Bike-Fahrenden sowohl im urbanen wie auch im ländlichen Raum eine sichere Fahrzeugführung ermöglichen soll [4]. Damit werden der Unterhalt, die Qualität und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Veloinfrastruktur erstmals schweizweit verbindlich geregelt.
Auf Initiative des Bundesamts für Strassen ASTRA wurden zudem Infrastruktur-Sicherheitsinstrumente (ISSI) entwickelt und normativ festgehalten [5]. Von diesen Instrumenten spielt für den Unterhalt insbesondere die Sicherheitsinspektion der Strasseninfrastruktur (RSI) eine wichtige Rolle [6].
Ergänzend dazu wurden in einem Forschungsprojekt zu Velo-Infrastruktur-Sicherheitsinstrumenten (VISSI) spezifische Ansätze erarbeitet, die die besonderen Bedürfnisse von Velo- und E-Bike-Fahrenden berücksichtigen – etwa bezüglich Oberflächenqualität, Kreuzungsdesign und Führung im Mischverkehr [7].
Während die ISSI in vielen Kantonen bereits operativ verankert sind, befindet sich die Anwendung der VISSI noch im Aufbau, gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung für den Unterhalt der Veloinfrastruktur. Mit der steigenden Zahl an schnellen E-Bikes (Tretunterstützung bis 45 km/h) werden diese Qualitätsanforderungen zunehmend wichtiger, da höhere Geschwindigkeiten griffige und schadensfreie Oberflächen erfordern, um längere Bremswege sicher bewältigen zu können.
Gesetzliche Anpassungen wie die Revision der Signalisationsverordnung (SSV, 2025) mit einheitlicher Signalisation für alle E-Bike-Kategorien [8] sowie die Tachopflicht für schnelle E-Bikes (Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge, VTS) [9] stärken zudem die Integration dieser Nutzergruppe und Mobilitätsform in die Planungs- und Unterhaltsprozesse.
Präventionsnutzen
Unterhaltsmassnahmen können die Qualität und Lebensdauer der Strasseninfrastruktur signifikant erhöhen, die Verkehrssicherheit verbessern und zu einer effizienteren Nutzung der finanziellen Mittel beitragen.
Eine internationale Metaanalyse von Elvik et al. [10] zeigt, dass insbesondere gezielte, regelmässige und frühzeitige Unterhaltsmassnahmen eine sicherheitsrelevante und kosteneffiziente Wirkung entfalten können. Die Übertragbarkeit dieser Wirkungseinschätzung auf den Schweizer Verkehrskontext ist allerdings nicht garantiert. Es ist dennoch davon auszugehen, dass gewisse Potenziale auch für die schweizerische Strasseninfrastruktur gelten, z. B.:
- Erhöhte Verkehrssicherheit: Regelmässige Wartung reduziert Unfallrisiken infolge Strassenschäden, schlechter Markierungen oder schlecht sichtbarer Signale.
- Bessere Planbarkeit: Durch langfristige Instandhaltungsstrategien lassen sich Eingriffe besser koordinieren und so Verkehrsbehinderungen und Sicherheitsrisiken minimieren.
- Ganzjährige Nutzbarkeit: Eine optimierte Planung der Schneeräumung und des Streudienstes sorgt dafür, dass Velowege auch im Winter sicher nutzbar bleiben.
Optimierungspotential
In der Regel erfolgt der Strassenunterhalt reaktiv – also dann, wenn bereits sichtbare Strassenschäden auftreten oder die Sichtbarkeit von Fahrbahnmarkierungen und Verkehrszeichen beeinträchtigt ist. Diese Vorgehensweise führt jedoch oft zu Beeinträchtigungen der Verkehrssicherheit sowie Einschränkungen im Verkehrsfluss. Zudem können hohe Folgekosten entstehen.
Damit der Strassenunterhalt eine möglichst hohe Sicherheitswirkung entfaltet, können verschiedene Massnahmen ergriffen werden:
- Unterhaltsmassnahmen durchführen: z. B. beim Winterdienst sollte der Schnee nicht von der Hauptfahrbahn des MIV auf die Verkehrsflächen des Langsamverkehrs umgeschichtet werden.
- Risikobasierte Wartungsstrategien zur Priorisierung besonders gefährdeter Bereiche erstellen
- Priorisierung des Unterhalts für Strecken nach Verkehrsaufkommen, Verkehrsnutzung und Gefährdungspotenzial durchführen
- Innovative Beläge wie selbstheilenden Asphalt oder widerstandsfähigere Betonmischungen zur Verbesserung der Haltbarkeit nutzen
- Digitale Technologien und Monitoring zur frühzeitigen Erkennung von Schäden sowie zur Kontrolle von Markierungen und der Signalqualität nutzen
- Bevölkerung mittels Apps zur Meldung von Unterhaltsdefiziten wie Strassenschäden, unzureichender Beschilderung oder gefährlichen Fahrbahnzuständen miteinbeziehen
Fazit
Der Unterhalt der Strasseninfrastruktur ist ein zentraler Baustein für eine sichere und leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur in der Schweiz. Während der Fokus bislang häufig auf reaktiven Massnahmen lag, zeigen nationale und internationale Untersuchungen klar auf, dass ein präventiver und strategisch ausgerichteter Unterhalt nicht nur zur Reduktion von Unfallrisiken beiträgt.
Zielgerichtete Massnahmen – insbesondere im Winterdienst, bei der Strassenreinigung und der frühzeitigen Schadensbehebung – können entscheidend zur Erhöhung der Verkehrssicherheit von E-Bike-Fahrenden beitragen.
Hinweise
Unter dem Begriff «Strassenunterhalt» sind in diesem Text alle Massnahmen im Bereich Strassenerhaltung, Instandhaltung und Instandsetzung zusammengefasst.
Quellen
[1] Bundesamt für Statistik BFS. Infrastruktur und Streckenlänge: Daten zur Länge des Schienen- und Strassennetzes, zum Parkplatzareal, den Flugplätzen und den Ölpipelines. Neuenburg. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/mobilitaet-verkehr/verkehrsinfrastruktur-fahrzeuge/streckenlaenge.html. Zugriff am 17.06.2025.
[2] R+R Burger und Partner AG, Hermann T, Kessler C, Liedtke K-P. Grundlagen zur Aktualisierung SN 641 826 – Kosten des betrieblichen Unterhalts von Strassen: Forschungsprojekt VSS 2015/112 auf Antrag des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS). Bern: Bundesamt für Strassen ASTRA; 2018. Forschungsbericht ASTRA 1644.
[3] Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute VSS. Kosten-Nutzen-Analysen im Strassenverkehr – Kosten des betrieblichen Unterhalts von Strassen. Zürich: VSS; 2019. VSS 41 826.
[4] Schweizerische Eidgenossenschaft. Bundesgesetz über Velowege (Veloweggesetz) vom 18. März 2022: SR 705.
[5] Bundesamt für Strassen ASTRA. ISSI – Infrastruktur-Sicherheitsinstrumente: Vollzugshilfe. Bern: ASTRA; 2013.
[6] Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute VSS. Strassenverkehrssicherheit – Inspektion. Zürich: VSS; 2016. SN 641 723.
[7] Eberling P, Deublein M, Machu A et al. Velo-Infrastruktur-Sicherheitsinstrumente VISSI. Bern: Bundesamt für Strassen ASTRA; 2022. Forschungsbericht ASTRA 1730.
[8] Schweizerische Eidgenossenschaft. Signalisationsverordnung (SSV) vom 5. September 1979: SR 741.21.
[9] Schweizerische Eidgenossenschaft. Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge (VTS) vom 19. Juni 1995: SR 741.41.
[10] Elvik R, Hoye AK, Vaa T, Sorensen MWJ, Hg. The handbook of road safety measures. 2nd ed. Bingley: Emerald Group Publishing Limited; 2009.